Frau Prof. Dr. Regine Kather gehört zu den angesehensten Philosophinnen Deutschlands und beschäftigt sich seit langem intensiv mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur als Grundlage seines Daseins. Ihr spezielles Interesse gilt den Themen der „Zeit“, des „Lebens an sich“, der „Begründung menschlicher Identität“ und der Entwicklung eines zeitgemäßen Verständnisses der „Natur“ unter Berücksichtigung der ökologischen Problematik und der damit verbundenen ethischen Fragen.

Frau Regine Kather studierte Philosophie, Physik und Religionswissenschaften in Freiburg, Basel und Paris. 1989 Promotion in Philosophie, 1997 Habilitation. Seit 1985 bereits Übernahme von Lehrtätigkeiten in Freiburg, Bremen und Hagen, seit 1998 auch in Bukarest und Klausenburg. Darüber hinaus hält Frau Kather häufig Rundfunkvorträge, in denen sie philosophische Themen allgemeinverständlich präsentiert. Bekannte Buchpublikationen sind z.B. „Die Wiederentdeckung der Natur“, „Person: Die Begründung menschlicher Identität“, „Was ist Leben?“, „Zeit und Ewigkeit“ und „Der Mensch - Kind der Natur oder des Geistes?“.

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„Das ‚Prinzip Verantwortung‘ als Leitmotiv des Handelns: Von den Grenzen unbeschränkten Wachstums und der Entdeckung neuer Lebensqualitäten.“

Hier der Versuch einer Zusammenfassung:

Das Bevölkerungswachstum, das sich vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern vollzieht in Verbindung mit dem an wachsendem Konsum orientierten westlichen Lebensstil, der bislang die technisch hochentwickelten Länder prägt, sich jedoch rapide global ausbreitet, wird die Biosphäre unseres Planeten ökologisch überfordern. Doch warum sollte uns die Zukunft nicht egal sein? Erdgeschichtlich gesehen hat es lange Zeit keine Menschen gegeben und irgendwann wird es auch diesen Planeten nicht mehr geben. Warum also sollten wir uns für das Überleben und ein qualitativ gutes Leben überhaupt engagieren? Die Begründung hierfür kann von naturwissenschaftlich orientierten Disziplinen nicht gegeben werden, sondern nur von der philosophischen Ethik.

Doch was ist eigentlich die Ursache für die unheilvolle Entwicklung, ist es ein anonymes Wirtschaftssystem oder sind es die zahllosen Individuen? Da jedes Individuum Teil eines größeren Lebenszusammenhangs ist, lassen sich Individuum und System nicht voneinander trennen. Damit ist, trotz der Determinanten des Systems, die Eigenverantwortung des Einzelnen gefragt. Doch wie kann man lernen, sich angesichts der Verlockungen, ein immer angenehmeres und bequemeres Leben führen und immer billigere Güter erwerben zu können, eigenverantwortlich zu verhalten?

Längst ist aus einer Versorgungsökonomie eine Überflussökonomie geworden, so dass die Arbeit nicht mehr nur der Sicherung des Lebens, sondern der Maximierung des (eigenen) Wohlstands dient, der, wie Jonas schreibt, ‚Völlerei‘, die menschenunwürdig ist. Mit Hilfe der Werbung und sozialökonomischer Programme wird derzeit insbesondere vor dem Hintergrund der Finanzkrise wachsender Konsum, mit Jonas gesprochen, ‚ Völlerei‘ regelrecht als sozialökonomische Tugend, als eine Art Bürgerpflicht gefordert. Voraussetzung für diese Entwicklung ist freilich der technische Fortschritt, der Mühsal und Plage abnehmen soll und humanitären Zielen zu dienen scheint, obwohl er das Alltagsleben immer mehr an den Kriterien von Effizienz und Rationalität ausrichtet und es so beschleunigt, dass viele inzwischen überfordert sind. Wieweit ist die Technik wirklich hilfreich? Welche Lebensqualitäten kann sie erzeugen, wo sind ihre Grenzen, so dass sie in einen umfassenderen Kontext von Werten und Zielen eingebettet und von ihnen geleitet werden müsste? Dieser Frage müssen sich auch die Technologien stellen, die die Energiewende ohne eine Änderung des ressourcenintensiven Lebensstils bewirken sollen.

Wir müssen daher immer wieder neu unterscheiden zwischen sinnvoller Technik, die für einen nachhaltigen Lebensstil grundlegend ist und technischen Entwicklungen, die aus rein ökonomischen Gründen durchgesetzt werden (wie ‚Bio‘-Kraftstoff, quecksilberhaltige Energiesparlampen, brennbare bzw. schimmelfördernde Hausdämmungen etc.). Technik und Arbeit müssten also dringend neu bewertet werden – angeleitet nicht primär durch ökonomische, sondern durch ethische Werte.

Hans Jonas formuliert als Leitfaden für den Ausweg aus diesem Dilemma einen erweiterten kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Wirkungen Deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Das ist eine Verpflichtung zum nachhaltigen Handeln. Damit wäre auch wissenschaftlich und technisch dem darwinistischen Prinzip „Alles, was möglich ist, wird auch ausprobiert“ etwas Anderes entgegenzusetzen: Es dürfen keine Versuche gemacht werden, die den Fortbestand der Menschheit und damit auch den der Natur als Lebensgrundlage aller Menschen und der nicht-menschlichen Kreaturen gefährden könnten. Es gilt stattdessen, komplexe soziale und ökologische Zusammenhänge zu berücksichtigen.

Damit ist denn auch eine Fähigkeit zur Achtung der Biosphäre als Lebensraum aller Lebensformen des Planeten gefragt. Die Menschen müssen lernen, sich mit ihren kulturellen und ökonomischen Zielen wieder als Teil einer größeren Ordnung zu empfinden, - die sie brauchen und die sie um ihrer selbst willen, aufgrund ihrer ethischen und ästhetischen Werte, respektieren müssen. Aus der Beherrschung der Natur kann so eine Partizipation an ihr werden, die den menschlichen Horizont erweitert. Hierbei kommt auch das Verständnis von „Zeit“ ins Spiel: Zum einen fordert ein nachhaltiges Handeln ein generationenübergreifendes Denken; zum anderen beruhen biologische Prozesse, die des menschlichen Körpers eingeschlossen, nicht auf einer linearen, sondern einer zyklisch wiederkehrenden Dynamik. Damit sich Lebewesen ebenso wie die großräumige Ordnung der Natur regenerieren und sich so über vergleichsweise lange Zeiträume erhalten kann, müssen die Zeit der Ökonomie und des Alltags wieder mit zyklischen Prozessen korreliert werden.

Als Resümee ergibt sich daher folgendes: Wir leben heute in einem Spannungsfeld zwischen Systemdeterminanten und verantwortungsvollem Verhalten – beide stimmen nicht überein. Gefordert ist der mündige Bürger, der bewusst (!) dem hemmungslosen Konsumismus und der Ausbeutung der Natur entgegen wirkt, indem er sich auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens konzentriert. Nur durch eine neue Form der Bescheidenheit und des Maßhaltens (nicht des Mittelmaßes!) können neue Lebensqualitäten entdeckt werden, werden Verantwortung für sich und die Umwelt möglich – die einer immer stärkeren Funktionalisierung, Ökonomisierung und Entsinnlichung aller Lebensbereiche sowie der Entmündigung durch das System entgegenwirken.

Was kann uns die Motivation dafür liefern?

  • Die Sorge um die Zerstörung der Lebensgrundlagen
  • Mehr innere Autonomie durch Selbstbegrenzung und Abkehr vom Statusdenken, Gewinn an innerer Freiheit und Lebensqualität bei der Wahl von Gütern
  • Gewinn an Würde und Eigenwert (statt triebgeleitetem Konsumismus)
  • Gewinn an Lebenszeit, die unersetzbar ist
  • Intensivere Begegnung mit anderen
  • gesünderes Leben in intakterer Natur
  • Freude an der Ästhetik der Natur (mehr Naturgenuss statt Warenkonsum)
  • Erweiterung des Bewusstseins, indem man sich als Teil der Natur begreift und verantwortlicher lebt
  • ein besseres Gefühl für sinnlose und sinnvolle Tätigkeiten und bessere Einschätzung, was man wirklich möchte

Die gesellschaftliche Orientierung am Modell „Homo Oeconomicus“ ist aufzugeben und durch ein Menschenbild zu ersetzen, das den Menschen als Einheit vielfältiger Möglichkeiten und Bedürfnisse versteht, die vom Sinnlichen über das Soziale bis zum Geistigen reichen.