Prof. Dr. Franz Josef Röll gehört zu den wichtigen Denkern Deutschlands zum Thema „Neue Medien und deren Auswirkung auf unser Leben“. Er unterrichtet an der Hochschule Darmstadt am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit und vertritt den Schwerpunkt Neue Medien und Medienpädagogik. Seine Aufgabe sieht er darin, die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen, die mit den neuen Medien einhergehen, zu begleiten, deren Auswirkungen zu beobachten und handlungsorientierte Modelle im Umgang mit den neuen Medien zu entwickeln.

Herr Röll studierte an der Universität Frankfurt Soziologie sowie außerschulische Pädagogik und Erwachsenenbildung, war viele Jahre Bildungsreferent beim Institut für Medienpädagogik und Kommunikation (Frankfurt), promovierte über Mythen und populäre Symbole an der Universität Bielefeld und hat seit 1999 an der Hochschule Darmstadt eine Professur inne mit dem Schwerpunkt Neue Medien und Medienpädagogik. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, die sich vor allem mit der Medienpädagogik beschäftigen.

 

„Social Media – wie Medien unsere Wahrnehmung, Kommunikation und Identität ändern“

Was machen Social Media mit uns? Dieser Vortrag soll beobachtend sein, nicht wertend. Wir wollen sehen, was gerade passiert.

Dass „Zukunft Angst macht“ ist keine neue Erfahrung, das war schon immer so. Die Einführung des Fahrrads, der Eisenbahn und des Autos– jeweils befürchtete man, dass die Menschen durch nicht gewohnte Geschwindigkeiten krank werden würden. 1787 war das viele Lesen, gefördert durch den Buchdruck, höchst suspekt. Auch das Theater wurde verteufelt (und dies schon zu Zeiten von Platon), weil Jugendliche möglicherweise das Spiel mit der Wirklichkeit verwechseln würden. Dasselbe galt für den Einfluss des Kinos: Kino würde die Phantasie vernichten.Und das Fernsehen würde mit seinen Gewaltszenen, die bei uns Hormone erzeugen, uns abhängig und selber gewalttätig machen. Beim Internet wird aktuell befürchtet, dass es eine digitale Demenz auslöst.

Jedes Medium verändert das Wahrnehmungsdispositiv der Nutzer, die Art und Weise des Sehens wird beeinflusst. Betrachten wir die Medien und was sie mit uns machen. Bei Theatervorstellungen geht unser Kopf mit, beim Kino dagegen gehen die Augen mit. Wir werden beim Kino immersiv von den Geschehnissen gefangen und entwickeln beim Zuschauen parasoziale Beziehungen mit den Akteuren.Beim Fernsehen ist es wieder anders, Fernsehen findet zuhause statt, wir verfügen über die Macht des Ein- und Ausschaltens, und wir können den Raum mit dem Fernseher jederzeit verlassen. Waren die ersten Fernsehgeräte noch ein Anstoß, sich zu treffen und gemeinsam ein (ausgewähltes) Programm zu verfolgen, so beschränkte sich dies mit zunehmender Verbreitung bald auf die einzelnen Familien. Und das Fernsehen kollektivierte auch, einzelne Sendungen waren Gesprächsinhalt beim Arbeitsplatz etc., man sprach darüber, weil viele diese Sendung gesehen hatten. Das änderte sich 1984 mit der Einführung der privaten Fernsehkanäle und der drastischen Erweiterung des Angebots. Fernsehen wirkt seitdem individualisierend, jeder schaut etwas anderes. Eine Diskussion des Gesehenen mit anderen findet kaum noch statt. Und es gibt keine gemeinsame Übereinkunft mehr über Inhalte und deren Interpretation. Individualisierung (und Singularisierung) statt gemeinsam geschaffene Erfahrung, die uns Orientierung geben könnte.

Interessant ist auch die Entwicklung der Dramaturgie und der Schnittfolgen bei gesendeten Filmen im Fernsehen. Betrachten wir „Denver Clan“ und vergleichen dies mit (dem späteren) „Miami Vice“, werden wir erkennen, dass der Schnitt viel schneller geworden ist und die Dramaturgie mehrere Höhepunkte aufweist. Wie das heutige Leben. Schon in den Zwanziger Jahren bemerkte Walter Benjamin, dass die Medien helfen, die soziale Wirklichkeit besser zu verstehen. Er stellte fest, dass das Prinzip des Schnittes im Film, die Montage, vergleichbar ist wie das Leben in Städten. Wer Filme gesehen hat, so Benjamin, ist besser in die Lage, in einer hektischen Stadt zu leben, weil er beim Filme sehen sich ein Dispositiv angeeignet hat, das ihm auch im Alltagsleben hilft. Hier wie dort muss man lernen verschiedene Erlebnisse und Erfahrungen, die in keinen direkten Zusammenhang stehen, im Kopf zusammenzufügen. Damals wie heute machen Filme (wie Medien überhaupt) uns fähig, die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen. Die Medien wirken wie ein heimlicher Lehrplan, der unser Wahrnehmungssystem verändert.

Wie ist es nun mit dem Internet? Das Internet unterscheidet sich – abgesehen von seinen Möglichkeiten zur Kommunikation mit anderen Menschen – von allem anderen darin, dass wir jederzeit und problemlos eine Gratifikation durch das Drücken der Return-Taste bekommen (Glück durch Klick). Im Internet gibt es keinen Abschluss des Diskurses – man weiß nie, wann man fertig ist. Zudem bekomme ich Antworten auf Fragen, die ich gar nicht gestellt habe. Das Internet fördert die Individualisierung wohl mehr als jedes andere Medium. Ich sitze alleine vor dem PC, und suche mir alleine meine Inhalte aus. Damit werden auch bisherige gesellschaftliche Rollen fraglich, ohne Beziehung zu einem allgemein gültigen Kontext mischt sich jeder seine eigene subjektive Mischung. Statt klarer Rollenverteilung oder Objektivität entsteht ein individuelles „Mashup“. Andererseits werden die Einzelnen im Internet durch die Reaktionen anderer auch beeinflusst. Jugendliche können in unterschiedlichen Portalen, Sozialen Netzwerken (wie Facebook) lernen, wie sie auf andere wirken. Durch die Reaktion der anderen modelliert sich auch ihr Verhalten. In unterschiedlichen Netzwerken können Sie unterschiedliche Rollen erproben und so lernen welche Vielfalt in ihnen ist. Zugleich können sie im Internet Personen finden, die ähnliche Interesse und Bedürfnisse haben.

Wie wirkt sich das auf Jugendliche aus? Die Mediensozialisation beginnt heutzutage bereits früh, schon bei 12-jährigen hat das Internet die Funktion eines Beziehungsmedium, d.h. die gemachten Erfahrungen im Alltagsleben werden im Internet kommuniziert. Die Reaktionen darauf führen zu schwachen Beziehungen. Da Inhalte, Aussagen und Informationen bewertet werden können durch Kommentare oder den Like-Button und zugleich bekannt ist, wer die jeweilige Wertung gemacht hat, werden Fakten immer auch verbunden mit Personen. So werden Informationen von Freunden von Freunden eher geglaubt als Informationen von öffentlichen Institutionen. Die Rezeption von Webinhalten geht nur selten in die Tiefe, man flaniert durch das Web, damit entsteht eine zerstreute Rezeption. Zugleich verfügen Jugendliche über die Fähigkeit der focussierenden Konzentration, d.h. wenn ein Aspekt auftaucht, der sie interessiert, sind sie in der Lage, sich augenblicklich zu konzentrieren.

Um das Interesse von Jugendlichen (von Seiten der Eltern etc.) anzusprechen, also den Focus ihrer Aufmerksamkeit zu wecken, müssen „Ich-Botschaften“ gesendet werden, Botschaften, die das einzelne Ego identifizieren kann. Emotion und Beziehung sind wichtig, ansonsten besteht die Gefahr, dass Eltern und Pädagogen ab einem gewissen Alter der Jugendlichen kaum noch Chancen haben, sie zu begleiten.

Früher bildeten Glaube, Politik und Familie in der Regel einen konstanten Orientierungsrahmen für eine konsistente Ich-Bildung. Durch den Verlust der traditionalen Bindungen wird die Identitätsfindung für Jugendliche immer schwieriger. Jugendliche denken daher in der Regel anders als Erwachsene, die in traditionalen Kulturen aufgewachsen sind. Die Identitätsbildung erfolgt durch die konkreten Erfahrungen im sozialen Alltag, vor allem im Austausch mit der Peer Group, der Gruppe der Gleichaltrigen und deren Konsummuster.

Was bedeutet dies für die Identitätsbildung der jungen Menschen? Bei Mead und Habermas bildet der soziale Rahmen die Ausgangsbedingung für die Identitätsbildung. Gesellschaftliche Normen oder allgemein moralische Prinzipien gelten als Orientierung für die Suche nach Zustimmung. Identität beinhaltet nach Habermas zwei Aspekte: Intersubjektivität = die gesellschaftliche Dimension der Identitätsbildung und Intrasubjektivität = die Verständigung mit sich selbst, durch die bewusst gemachte eigene Biografie. Waren nun früher vor allem sprachliche Verständigungen mit anderen – vorzugsweise in der Familie oder im nahen Bekanntenkreis – vordergründig, so bieten heute Medienerfahrungen neue wichtige Erlebnis-, Erfahrungs- und Reibungsformen. Reale und fiktive Personen in den Medien und im Internet sind zu wichtigen parasozialen Begleitern und zum vordergründigen sozialen Referenzsystem geworden.

Für Jugendliche gilt es nun, aus einer Vielfalt von Handlungsstrategien, Wertemustern und Lebensentwürfen und damit Identitätsfragmenten eigenverantwortlich (oder alleingelassen?) auszuwählen. Die Konstituierung einer stabilen Ich-Identität ist eine Herausforderung, die nicht ohne weiteres erreicht werden kann, eher entwickeln sich fragmentarische Identitäten. Heiner Keupp spricht von der Patchwork-Identität. Es ist daher von Teil-Identitäten auszugehen, die sich immer wieder neu zusammensetzen und weiterentwickeln. Gerade die Medien bieten Anknüpfungspunkte, die eigene Identitätsbildung in Form einer Selbstnarration eigenständig zu beeinflussen. Aus diesen Gründen beinhalten im Internet zwangsläufig die eigenen Beiträge vor allem auch Aspekte einer Identitätspräsentation. Es gibt einen Drang nach dem Wahrgenommenwerden im virtuellen Raum: Ich poste, also bin ich. Was zunehmend zur Frage führt, ob die im Web (meist sehr positiv) präsentierte Identität mit der realen übereinstimmt bzw. einigermaßen in Deckung zu bringen ist. Interessant ist der Ausspruch eines Lehrlings hierzu, der meinte, man müsste heutzutage „professionell schizophren“ sein, um in der Welt klar zu kommen. Jedenfalls war es wohl noch nie so schwierig, eine stabile Identität aufzubauen, da die Teilidentitäten instabil sind. Identitätsbildung wird zu einem lebenslangen, offenen Prozess.

Diese Nicht-Festigkeit der eigenen Identitätsbildung überträgt sich auf die Art, wie Jugendliche Beziehungen eingehen, pflegen und auffassen. Mit der Explosion der Kommunikation im Netz (Chat-Rooms, Emails, Foren, Twitter, Facebook etc. etc.) geht eine hohe Vernetzung der Jugendlichen einher. Die Anzahl der Freunde und Bekannten im Netz gilt als Statussymbol. Um die Sinnhaftigkeit dieses Verhaltens nachvollziehen zu können, ist die Theorie der schwachen Beziehungen sehr hilfreich. Eine Vielzahl von schwachen Beziehungen ist in der realen Welt des Flexibilität fordernden Kapitalismus (Richard Sennet) von Vorteil, da ich eher auf Jobs und Chancen aufmerksam (gemacht) werden kann. Starke Beziehungen sind wichtig für die persönliche Verortung, aber sie sind, informationstheoretisch gesehen, redundant. Informationen, so hat Granoveter festgestellt, fließen bei schwachen Beziehungen schneller. Informationen über neue Jobs bekommt man über schwache Beziehungen, ebenso helfen schwache Beziehungen Kontakte zu erschließen, die über das soziale Milieu hinausgehen, das in Real-Leben eine prägende Kraft hat. Vernetzte Onliner sind daher eher in der Lage in einer Welt zu leben, die von der Globalisierung geprägt ist, wo es ständig notwendig ist, sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Aber es entstehen neue Risiken. Das Web verlangt Offenheit. Der Missbrauch dieser Offenheit ist jedoch sehr einfach (Mobbing), und das Internet vergisst nichts. Und es ist der Faktor der Beschleunigung unserer Welt, die bei vielen Menschen Stress auslöst.

Wir können also sagen, dass unsere Welt sich gerade stark verändert, auch der Arbeitswelt steht dies bevor. Die Praxis lehrt uns, dass wir die kommenden Veränderungen akzeptieren und uns arrangieren müssen. So machen uns vielleicht die neuen Medien fähig, in der neuen Arbeitswelt zurechtzukommen.

Wie weit kann sich der Mensch anpassen? Beeinträchtigen die virtuellen Lebenswelten unsere Kompetenz, angemessen mit der realen Welt umzugehen? Entsteht gar ein Spannungsfeld zwischen realer und virtueller Lebenswelt? Und wenn ja, wie wirkt es sich aus?

Nun, mit jeder Innovation gehen Gewinne und Verluste einher, und Wahrnehmungsgewohnheiten verändern sich. Dies kann als Bedrohung, aber auch als Chance gesehen werden, neue Ressourcen zu schaffen und zu nutzen. Die aktuelle Entwicklung, die einher geht mit einem Bedeutungsgewinn von virtuellen Erfahrungen, wird von Röll daher als große Herausforderung interpretiert.