Auf den Feminismus traf ich auf eine etwas unübliche Weise, nämlich als plötzlich alleinerziehender Vater von zwei Söhnen – beide waren damals noch in den Windeln – und pflegender Ehemann meiner unheilbar erkrankten Ehefrau. Seitdem sind 20 Jahre vergangen, und der Feminismus hat mir meine schwierige familiäre Aufgabe in dieser Zeit nicht leichter gemacht, eher das Gegenteil war der Fall. Das machte mich nachdenklich, und ich schaute genauer hin. Und ich beobachtete, mit meiner subjektiven Sicht der Dinge, aber aus Sicht eines Mannes, das Folgende:

Dem Machtbereich der Männer im Beruf (zugegeben!) stand ein anderer dagegen (der gerne unterschlagen wird) und ich war ihm ausgesetzt: Es gab im familiären Bereich einen Machtbereich vor allem der Mütter (in den Kindergärten, Grundschulen und im häuslichen Bereich der Familien), in dem man als Mann – wenn es gut kam – Gast war, nicht mehr, auch wenn ich bei den wenigen Anlässen gut behandelt wurde. Man gehörte als Mann einfach nicht dazu, zu den Müttertreffen, zu dem Mütternetzwerk, in dem wichtige Informationen zur Versorgung und Entwicklung der Kinder ausgetauscht und dieselben zur gegenseitigen Betreuung vermittelt wurden.

Gleichzeitig erlebte ich, wie meine männlichen Fähigkeiten, die mich früher in der Berufswelt in Form von Leistung und Konzentration auf eine zu lösende Problematik und natürlich zum Geldverdienen recht erfolgreich gemacht hatten, nun plötzlich kontraproduktiv waren. Sie standen mir im Weg, es galt nun, „einfach“ da zu sein (möglichst 24 Stunden am Tag), Zeit aufzubringen und für viele Kleinigkeiten bereit zu sein. Leistung im früheren Sinne brachte nur Unruhe in das Geschehen. Außerdem spürte ich eine gleichzeitige Forderung nach zwei sich widersprechenden Rollen: Die des lobenden und tadelnden (also wertenden) Vaters und die – es war niemand anders da, der sie ausfüllte – der nicht wertenden, alles verzeihenden Mutter. Es wurde deutlich, dass meine Söhne eigentlich beide Elternrollen brauchten. Zwei sich widersprechende Rollen, die nicht gleichzeitig zu realisieren sind (jedenfalls nicht für mich), weil man sich sonst permanent in einer Double-Bind-Situation befindet. Wie es wohl auch viele alleinerziehende Frauen erleben.

Mir kam es vor, als lebte ich in zwei sich widersprechenden Welten und entschied mich daher, die eine kräftig zu reduzieren (ich gab meinen Job auf) und stattdessen die andere, die im Moment die wichtigere war, mehr oder minder gut wahrzunehmen. Dabei wurde mir deutlich, dass für eine funktionierende Familie eigentlich beide Rollen gleichwertig bzw. gleich wichtig waren, aber eben nicht gleich, sondern etwas, das Wissenschaftler mit komplementär (= entgegengesetzt verschieden) bezeichnen.

Der Philosoph Friedrich von Schelling sagte einmal treffend (ca. 1800), dass sich „in jedem Individuum das Ganze spiegelt“, dass alles Ausdruck derselben Naturgesetze ist. Sind die Erkenntnisse der Physik tatsächlich auf uns Menschen übertragbar? Es könnte so sein; denn in der modernen Physik stellt man zunehmend fest, dass es offenbar zwei Prinzipien sind, die in der Natur wirken, und zwar komplementär. Es ergibt sich dabei ein Bild, das große Ähnlichkeiten mit der taoistischen Yin-Yang-Philosophie hat. Die Welt als Produkt zweier komplementärer Prinzipien (männlich und weiblich?), die gleich wichtig und gleich wertig sind.

Der Physiker Niels Bohr setzte sich im Rahmen der Quantentheorie damit auseinander, um festzustellen, dass es zur gemeinsamen Beschreibung der Makrophysik (kausal, Yang) und der Mikrophysik (nicht kausal, Yin) offenbar zweier verschiedener Sprachformen bedarf, eine aus der Makrosicht, und eine andere aus der Mikrosicht. Er erkannte, dass die einzige Möglichkeit, beides gemeinsam zu beschreiben, eine Sprachform der Poesie ist. Von der es nicht mehr weit ist – und darum schreibe ich diese Zeilen – zur Liebe von Mann und Frau.

Diese Poesie – die nicht irgendeine Kunstform der Beschreibung der Welt und des Lebens darin ist, sondern offensichtlich die einzig richtige Form ihrer Beschreibung – ist uns im Geschlechterkrieg und im Leistungsleben längst verloren gegangen, was ich persönlich sehr bedaure.

Warum habe ich so viel Nachdenken in dieses Thema investiert? Der Grund dafür sind meine (heute erwachsenen) Söhne. Ich stand bei der Erziehung lange vor der Frage, welches positive Männerbild ich Ihnen als Wegweiser für ihre persönliche Entwicklung und Identitätsfindung geben könnte. In einer Zeit, in der überall auf Männern herumgehackt wurde, an Männern kein gutes Haar gelassen wurde und Männer in deutschen und amerikanischen Familienfilmen schon fast grundsätzlich die Rollen von Deppen spielten. Und Frauen immer die guten waren.

Welche anerkennenswerte Männerrolle konnte ich also meinen Söhnen zeigen, während rundherum Mädchen und Frauen beruflich und emotional gefördert wurden (Beispiel: Girl´s Day) und Jungs immer mehr ins Hintertreffen gerieten und im schulischen Sportunterricht dann – wenn Lehrerinnen eingesetzt waren – plötzlich auf ihre sozialen Kompetenzen getestet und beurteilt wurden. Statt auf ihre sportlichen Fähigkeiten. Nun, ich muss gestehen und ich glaube, es geht fast allen Vätern so, dass ich bis heute keine von unserer Gesellschaft anerkennenswerten Rollen von Männern gefunden habe.

Warum ist das so? Nach meiner Auffassung, die ich hier gerne zur Diskussion stelle, liegt das daran, das der Feminismus versucht, für Frauen männliche Rollen als erstrebenswert zu formulieren und sie darin auch zu unterstützen und sie damit spätestens dann, wenn eigene Kinder in ihr Leben treten, in eine unauflösbare Double-Bind-Situation stürzen. Eigenartig, das Weiblichste überhaupt, nämlich Schwangerschaft und Kinder aufzuziehen, wird vom Feminismus als eine Art Betriebsunfall behandelt. Mit dem Feminismus siegt merkwürdigerweise also nicht das weibliche Prinzip, sondern eher das männliche Prinzip. Und natürlich sind Männer dann direkte Konkurrenten und damit auch zu bekämpfen – statt eine komplementäre Partnerschaft mit ihnen anzustreben. Eine Frau als männlicher Konkurrent, das sorgt bei uns Männern natürlich zu erheblichen Irritationen, und ich beobachte bei einigen Männern meiner Umgebung diverse Kastrationseffekte. Mittlerweile gibt es dafür den Ausdruck „Pudelmänner“ (statt wie früher: Softies).

Männliche Eigenschaften werden wohl auch aus diesem Konkurrenzdenken heraus nicht mehr gewürdigt. Selbst die SPD-Männerspitze hat gesagt: „Wenn wir eine menschliche Gesellschaft wollen, müssen wir die männliche überwinden.“ Für mich ein Ausdruck dafür, dass diese Gesellschaft das Weibliche als oberstes, wertvolles Prinzip sehen will, und es gleichzeitig verrät … und das Männliche, wenn es von Männern kommt, als auf den Müll gehörend ablehnt. Ein geschwätziger, populistischer Irrweg.

Ich persönlich bin für etwas anderes, denn die Welt braucht beides, das Männliche und das Weibliche. Ich bin für die Gleichwertigkeit von beidem, nicht für die Gleichheit, die doch nur noch das eine akzeptiert und damit keine ist. Und ich vermisse den Gegenpol, das wirklich Weibliche in unserer Gesellschaft und seine Anerkennung, damit die Poesie wieder entstehen kann … und in der Folge wieder mehr Achtung und Liebe zwischen Mann und Frau.

Das Dilemma mit meinen Söhnen habe ich inzwischen gelöst. Statt irgendwelcher Rollen konnte ich Ihnen etwas anderes zeigen und vermitteln, nämlich eine ganze Reihe positiver männlicher Eigenschaften, die ich einem Buch von Warren Farrell* entnommen habe. Neben Großzügigkeit, Fairness und der Kunst, die Klagen über eine Beziehung in den eigenen vier Wänden zu halten, gibt es noch 28 (!) weitere, die dort ausführlich beschrieben sind (*Warren Farrell: „Warum Männer so sind, wie sie sind“). Lesenswert.

Und vielleicht ein Ausgangspunkt für uns Männer, für unser Selbstverständnis und unsere Würde.