Teilnehmer: Prof. Dr. Niko Paech, Dr. Michael Kalff, Dr. Michael Harder. Protokoll: Dr. Artur Hornung.

Der sesshaft gewordene Mensch braucht offenbar ein Streben nach etwas, das er steigern kann. Dies gilt genauso für eine Gemeinschaft oder Gesellschaft von Menschen. Das aktuell von uns hierfür als Messlatte benutzte BIP (Bruttoinlandsprodukt) kann – wie die Vorträge deutlich zeigten – aber nicht der Maßstab für den Erfolg einer Gesellschaft sein, das BIP ist mittlerweile wachstumsökonomischer Unsinn. Welche Leistung der Gesellschaft soll sich stattdessen lohnen? Kann vielleicht Glück als Leistungsindikator einer Gesellschaft dienen? Kann Glück Leistung sein?

Die Diskussion begann mit der Frage: Was ist Glück? (Um es deutlich zu sagen, es geht hier nicht um Glücksfälle wie den Sechser im Lotto, sondern um grundsätzlicheres Glücksempfinden.) Es wurde recht schnell festgestellt, dass Glück sehr subjektiv empfunden wird. Und es ist oft eine Momentaufnahme: Glück heißt, sich im Moment richtig wohl zu fühlen. Damit ist Glück oft eine Art Sinusschwingung, denn ohne Zeiten relativen Nicht-Glücklichseins kann man sich offenbar nicht glücklich fühlen. Trotzdem scheinen manche Menschen im Mittelwert deutlich glücklicher zu sein, was anscheinend mit diesen Menschen selbst etwas zu tun hat.

Hinzu kommt: Was den einen Menschen glücklich macht, braucht bei dem anderen keineswegs zu demselben Ergebnis zu führen. So kann das Gefühl des persönlichen Glücks durchaus darin bestehen, die vielen kleinen Momente des persönlichen Lebensglücks zu genießen oder Freude daran zu haben,  einen winzig kleinen Teil an der Schöpfungsgeschichte beizutragen, was aber mit viel Lebenserfahrung und Lebenserkenntnis verbunden ist. Also „Glück für Fortgeschrittene“.  Auch dies deutet darauf hin, dass Glück – will man es als grundsätzliches Lebensgefühl spüren – einer gewissen Lebensphilosophie oder Lebenskunst bedarf, einer Art Glückskompetenz.

Hier wird Glück schon etwas objektiver. Wenn Glück aber grundsätzlich doch eher subjektiv empfunden wird, stellt sich die Frage, ob Glück als objektives Maß des Erfolgs einer Gesellschaft taugt? Vielleicht doch, wenn man nicht das Glück selber, sondern die Verbreitung von Glückskompetenz als Maßstab nimmt.

Wodurch zeichnet sich Glückskompetenz aus? Die Schauspielerin Ingrid Bergman formulierte einmal: „ Die meisten Menschen sind unglücklich, weil, wenn sie glücklich sind, sie noch glücklicher werden wollen.“ Liegt hier ein Schlüssel zum Thema Glück? Zumindest liefert dieser Satz einen Hinweis darauf, dass nicht der Wunsch nach „immer mehr“, sondern das Zufriedensein mit dem, was man hat, glücklich machen kann. Wenn es denn nicht zu wenig zum Leben ist und berechtigte Existenzsorgen oder soziale Benachteiligungen die Folge sind. Dies passt denn auch gut zu der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass ab einem gewissen Wohlstand eine weitere Steigerung kaum zu einer erhöhten Lebenszufriedenheit führt. Der alte Grieche Epikur sagte dazu: „Willst Du einen Menschen glücklich machen, füge seinem Besitz nichts hinzu, sondern nimm ihm einige von seinen Wünschen“.

Dies führt zu einer Art wissenschaftlichen Formel:

Glück (Zufriedenheit)    =    Erfüllte Ansprüche  /  Ansprüche

Nun leben wir aber in einer Gesellschaft, in der Glück vor allem definiert ist durch Erfüllung und Teilhabe am Wachstumskonsum. Und zwar unterstützt von einer allgegenwärtigen medialen Umgebung, die den Konsum auch unsinniger Produkte massiv forciert. Dies führt zwangsläufig zu einer Gesellschaft des Unglücklichseins durch (noch nicht erfüllte) Wünsche, und eine ständige Steigerung des Konsumierens. So stimmten die Teilnehmer darin überein, dass die Abwesenheit von Werbung die persönliche Zufriedenheit erhöht und damit die Möglichkeit zu Momenten des Glücklichseins erhöht. Zumal materielle Dinge durchaus „arm“ machen können, wenn sie viel Zeit und Ressourcen kosten.

Müsste eine Politik der Steigerung des Glücks daher Werbung verbieten? Es ist naheliegend, aber wohl nicht durchführbar. Hier wird aber schon die Tragweite des Themas deutlich. Stattdessen setzten die Teilnehmer auf individuelle Strategien zur Eindämmung des Einflusses durch Werbung.

Jedenfalls: Glücks- oder Zufriedenheitskompetenz ist die wesentliche Kompetenz, sich von dem „Mehr“ zu distanzieren. Glückskompetenz wird also wesentlich unterstützt, wenn man sich den künstlich forcierten Ansprüchen entziehen kann. Was nicht bedeutet, dass man natürlichen Ansprüchen nicht folgen sollte. Dies ist ein Hinweis auf einen weiteren Parameter für Glückskompetenz: Glücklichsein durch ein natürlicheres Leben, das unserem Menschsein mehr entspricht. Der „Fluch der Moderne“ kam zur Sprache: Können wir in dieser von uns künstlich geschaffenen Welt, an die wir uns als moderne Menschen permanent neu anpassen müssen und in die wir mittlerweile kaum noch hineinpassen, wirklich glücklich sein oder werden?

Glück zeigt sich hier als realisierte Fähigkeit, ohne dieses oft viel zu hohe Tempo unserer beschleunigten Leistungsgesellschaft zu leben. Zeit zu haben. Muße. Und dies führt zur Beobachtung, dass im Vergleich zu anderen Ländern (meist der 3. Welt) die Menschen es hier immer eilig haben. Und dabei selten glücklich aussehen. Bert Brecht drückte es gut aus, als er sagte:

 Ja, renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr,
denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher.

 Eine Gesellschaft, die das Glück vermehren will, müsste daher wesentlich menschlicher sein. Sie müsste dem Einzelnen die Möglichkeiten geben (oder lassen), nicht nur dem Fluch des Konsums, sondern auch dem „Fluch der Moderne“ zu entgehen. Es gilt demnach wieder mehr, das menschlich Wichtige zu leben – nicht das wachtsumsökonomisch Wichtige. Auch das wäre ein Paradigmenwechsel, der an den Grundwerten unserer Leistungsgesellschaft rüttelt.

In diesem Zusammenhang möchte der Verfasser dieser Zeilen ergänzen, dass nach seinen Beobachtungen unserer Welt die Poesie abhanden gekommen ist, und er einen engen Zusammenhang zwischen Glück und Poesie sieht, der noch viel zu wenig thematisiert wurde.

Nun braucht der moderne Mensch, wie anfangs gesagt, aber offenbar sein Streben nach etwas, das er steigern oder verbessern kann. Kann Glück dann doch wieder eine Art Leistung sein? Welche Leistung soll sich dafür lohnen? Oder besteht gerade im Nicht-Leisten-Müssen eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit? Und liegt Glück stattdessen eher im Leisten-Können, also in der Freude an dem Ergebnis einer eigenen Leistung? Auch dies spricht für eine Entschleunigung unserer Arbeit, die übermäßig von dem Streben nach Effizienz – einzig gemessen am produktiven Ausstoß pro Zeit und an der monetären Optimierung des Ergebnisses – geprägt ist. Es gilt die politische Aufgabe, die historisch bedingte Entfremdung des modernen Menschen von seiner Arbeit wieder rückgängig zu machen. Damit auch Leistung wieder glücklich machen kann.

Ist Glück – wenn es doch subjektiv ist – grundsätzlich eine egoistische Leistung? Ist Glück egoistisch? In der Werbung heißt es zunehmend: Das bin ich mir wert. Auch wenn es hier den Kauf eines Produktes betrifft. Mag sein, dass Glück eine individuelle Angelegenheit ist, und doch zeigt es sich, dass Glück oft in einer sozialen Gemeinsamkeit auftritt: Glück entsteht dann in Gemeinsamkeit mit anderen Menschen. Als Folge gelungenen Sozialverhaltens. Glück hat also auch eine soziale Komponente.

Die politische bzw. gesellschaftliche Relevanz einer angedachten „Steigerung des Glücks“ wird so deutlicher. Sie würde zu einem Paradigmenwechsel in unserer Leistungs- oder Wachstumsgesellschaft führen. Das neue Paradigma, das sich daraus ergibt, stimmt in weiten Bereichen verblüffend gut mit der Postwachstumsökonomie überein, wie sie bspw. im Vortrag von Prof. Paech geschildert wurde. Ist eine verbesserte Fähigkeit zum Glück sogar eine Voraussetzung für den Erfolg einer Postwachstumsökonomie?

Auf den Staat kommen jedenfalls einige Aufgaben zu, auch wenn zweifelhaft ist, ob die Enquete-Kommission derart weitreichende Anregungen geben wird. Statt eines neuen „Glücks-Hypes“, einer neuen „Tretmühle des Glücks“ oder gar einem „Zwang zum täglichen Glück“ wäre es seine Aufgabe, eine Abkehr von der medien-unterstützen Wachstumsökonomik einzuleiten. Nicht das Glück des Einzelnen kann seine Aufgabe sein, sondern eher die Ermöglichung des Glücks des Einzelnen, also die Erstellung von geeigneten Rahmenbedingungen. Dies bedeutet eine Gesellschaft, die das Vermindern von Unglück und Ungerechtigkeit zum Ziel nimmt. Und es erfordert klare Mengenbegrenzungen am „Einverleiben“ Einzelner des gesellschaftlichen Kuchens für alle. Dies führt direkt weiter zu Höchstlöhnen und zur Eindämmung bzw. Verhinderung von unangemessenem Reichtum. Und zu einer Ökonomie, die sich wieder in den Dienst der Menschen stellt, statt anders herum. Es gilt also, einen neuen Rahmen zu setzen.

Dann wäre die Steigerung des Glücks durchaus ein geeigneter „Antriebsstoff“ für eine Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang lässt sich auch das Wort eines Zuhörers verstehen, der sagte: „Ich freue mich schon auf den Crash, denn danach wird die Welt wieder normaler.“ Und doch bleibt die Aufgabe, dies auch ohne Crash hinzubekommen.

Dr. Michael Harder, Staufen, im Juni 2011