Prof. Heiner Flassbeck ist einer der bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands und u.a. Autor der Bücher: „Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts“ bzw. „50 einfache Dinge, die Sie über unserer Wirtschaft wissen sollten“. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er bei der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) in Genf, seit 2003 ist er dort Chef-Volkswirt.

Mit seinem Insiderwissen als ehemaliger Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen im Kabinett Schröder I gehört er gleichzeitig zu den profiliertesten Kritikern der derzeitigen Wirtschaftspolitik, die sich bei der „Therapie“ der aktuellen Probleme als überfordert erweist.

Heiner Flassbeck studierte von 1971 bis 1976 Volkswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Danach arbeitete er bis 1980 im Assistentenstab des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, von wo er zum Bundesministerium für Wirtschaft (1980 bis 1986) wechselte. 1986 ging er zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, wo er an Arbeitsmarkt- und Konjunkturanalysen und über wirtschaftspolitische Konzepte arbeitete. Zwischendurch (1987) promovierte er an der FU Berlin zum Dr. rer. pol. Von 1990 bis 1998 war er Leiter der Abteilung Konjunktur am DIW.
Nach dem Regierungswechsel im Oktober 1988 wurde er zum Staatssekretär im Bundesfinanzministerium berufen und beriet den damaligen Finanzminister Lafontaine bei dessen Vorhaben, gemeinsam mit dem französischen Finanzminister Strauss-Kahn eine neue globale Währungsordnung zu etablieren. Die Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik ernannte Heiner Flassbeck im März 2005 zum Honorarprofessor.

Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts

(Vortrag, gehalten im Waldhof, 14. Mai 2011)
pdf Download Vortrag (PDF, 100 KB)

Anhand er fünf großen Krisen unserer Zeit – Finanzkrise, Arbeitskrise, Handelskrise, Klimakrise und Schuldenkrise – lässt sich zeigen, wie die derzeitige Wirtschaftspolitik von der Analyse und der Therapie der Probleme überfordert ist.
So trägt Deutschland eine erhebliche Mitschuld an der Finanzkrise in der Eurozone. Der Grund dafür ist deutsches Lohndumping, das ein sich dramatisch ausweitendes Ungleichgewicht zwischen den Staaten der Eurozone provoziert hat. Damit gefährdet Deutschland die wirtschaftliche Substanz der anderen Teilnehmer und damit den Zusammenhalt der Eurozone selbst.
Bleibt Deutschland bei dieser Politik der Lohnzurückhaltung, ist nicht zu erkennen, wie die Leistungsdefizite der anderen Länder abgebaut und Schulden zurückgezahlt werden können.

Eine Währungszone ist eine Zone mit einer gemeinsamen Inflationsrate und sonst nichts. Diese wurde von allen Ländern gemeinsam auf 2 % festgelegt. Griechenland liegt mit einer Rate von etwas über 2 % wesentlich näher an diesem Inflationsziel als Deutschland mit etwa 0,7 %.
So hat Griechenland insgesamt tatsächlich etwas über seinen Verhältnissen gelebt, aber Deutschland hat massiv unter seinen Verhältnissen gelebt und beides ist in einer Wàhrungsunion nicht auf Dauer möglich.Eine Lösung dieses Wettbewerbsdilemmas lässt sich nur dadurch erreichen, dass in Deutschland über 10-20 Jahre die Lohnstückkosten stärker steigen als in den Defizit- Ländern. Das ist allerdings politisch schwierig sein, weil sich Deutschland an seinen Exportüberschüssen misst und dabei vergisst, dass es keine Insel ist, sondern Teil einer globalen Handelsordnung.

Eine Lösung dieses Wettbewerbsdilemmas lässt sich beispielsweise darüber erreichen, dass in Deutschland über 10-20 Jahre die Lohnstückkosten stärker steigen als in den schwachen Ländern. Nur dürfte dies politisch schwierig sein. Zumal wir uns am unsinnigen Titel „Exportweltmeister“ orientieren. Und dabei vergessen, dass wir keine Insel sind, sondern über die Währungsunion mit allen anderen Euro-Teilnehmern verbunden sind. An der Änderung unserer Politik der Lohnzurückhaltung führt aber wohl kein Weg vorbei.