Dr. Michael Harder (*1951) forscht seit Jahren im Grenzbereich von Physik und Ökonomie und ist Autor des Buches „Einsteins Irrtümer“, in dem er neue Erkenntnisse der Physik sammelt und anschließend auf die Bereiche Wirtschaft und Gesellschaft anwendet. Wie diese heute genutzt werden können, trägt er seit 2005 in zahlreichen Vorträgen, Workshops und Symposien vor.

Nach dem Studium der Chemie und Wirtschaftswissenschaften begann er seine industrielle Forschungstätigkeit 1980 bei der BASF AG Ludwigshafen auf dem Gebiet von Datenträgern. Darauf folgte die wissenschaftliche Leitung einer Freiburger Consulting-Firma zu systemischen und ökologischen Fragen in Wirtschaft und Politik.  Zwischenzeitlich gehörte Michael Harder zur Endauswahl der Astronauten der D2-Mission.
2002 gründete er das "Büro für Interdisziplinäre Wissenschaften" in Staufen im Breisgau, das sich mit den komplexen Grundlagen und Fragestellungen in Physik und Ökonomie beschäftigt. Das Ergebnis dieser Arbeiten ist eine neue Sichtweise ökonomischer Zusammenhänge, die helfen kann, elementare Fehler und Fehlentwicklungen in unserem Wirtschaftssystem besser zu verstehen und ihre Folgen besser abzuschätzen.

 

Die Physik der globalisierten Ökonomie

(Vortrag, gehalten im Waldhof, 14. Mai 2011)
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Unser ökonomisches System wird zunehmend komplizierter und komplexer: Deflation oder Inflation, Export oder Binnenmarkt, Staatsschulden und Eurozone, Politik und Großindustrie, Realökonomie und Finanzsystem, Demografie und Niedriglöhne – wohin steuert unsere Wirtschaft?

Vor etwa 2000 Jahren sagte Seneca den wichtigen Satz: „Wo die Natur nicht will, ist die Mühe umsonst“. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass – will ich erfolgreich sein, und zwar nachhaltig – ich die Gesetze der Natur beachten muss. Und damit sind wir plötzlich in der Naturwissenschaft. Unser weitgehend auch in der Ökonomie verwendetes logizistisches Weltbild, mit dem wir uns immer mehr spezialisieren, stimmt aber einfach nicht. Die moderne Physik (Prozessphysik) zeigt längst, dass die Welt nicht nur logisch ist, sondern in weiten Bereichen chaotischen und wahrscheinlichen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Die Natur ist komplex, Logik, d.h. direkte Kausalität von Ursache und Wirkung, existiert nur in sog. Inseln. Das macht es für Spezialisten ungemein schwer, die wirklichen Zusammenhänge zu erkennen. Vor allem, wenn sie überzeugt sind, dass ihre „Insel“ die einzig richtige ist. Unsere wichtige Aufgabe für die Zukunft ist es aber, die Komplexität zu meistern.

Wie lässt sich die Komplexität der Welt erfassen? In der Ökonomie entdeckte man die Existenz von sog. Chaordischen Systemen. Dies bedeutet, dass offensichtlich zwei Attraktoren für die Dynamik unserer Welt verantwortlich sind: Es gibt immer einen Attraktor in Richtung Ordnung (in der Physik ist dies Wirkung), und einen zweiten in Richtung Unordnung (in der Physik bezeichnet man dies mit Entropie). Die Erkenntnis, dass Systeme immer zwischen diesen beiden Attraktoren schwingen, wurde in der Physik von einem Amerikaner namens Zurek bestätigt, der Quantenmechanik und Relativitätstheorie erfolgreich verbinden konnte. Zurek entdeckte aber noch mehr: Grundlage der Physik (und damit auch der Ökonomie) ist eine Art Darwinismus, der allerdings nach unseren Forschungen ein Mix aus 5 verschiedenen Mechanismen ist. Neben Wachstum von Strukturen sind adaptive Anpassungen an die Umgebung, Wettbewerb durch Stärke und Kooperation und Nachhaltigkeitsaspekte elementar. Führt man diese Erkenntnisse in die neue Physik der Komplexen Systeme ein, wird Erstaunliches sichtbar: Wachsen Strukturen innerhalb eines Gesamtsystems heran, ist dies lange Zeit problemlos, bis eine Art Sättigung erfolgt. Dann aber kehren sich plötzlich alle Regeln um: Mit weiterem Wachstum entstehen Schwingungen des Systems – mit denen sich der Sättigungszustand stabilisiert. Stoppe ich dann nicht das Wachstum, so treten mit der Zeit zusätzliche Schwingungen auf, bis das System plötzlich crasht. Die Auswirkungen auf ökonomische Theorien sind heftig: Bin ich mit meinem Wirtschaftssystem zu erfolgreich und setze weiter auf Wachstum, d.h. verpasse ich die neuen Regeln der Sättigung, crasht das Gesamtsystem.

Wendet man diese gesicherten systemischen Erkenntnisse auf unser Wirtschaftssystem an, werden schnell vier elementare Systemfehler in unserem westlichen und mittlerweile globalen Wirtschaftssystem deutlich, die für fast alle unsere ökonomischen und auch für viele gesellschaftlichen Probleme verantwortlich sind und dafür sorgen, dass es nicht für längere Zeit funktionieren kann.

Der erste Systemfehler ist, dass die Ökonomie keine Menschen kennt, sondern Menschen auf ihre Eigenschaften als Humankapital (zur Produktion) oder Homo Oeconomicus (zum Konsum) reduziert. Familienthemen, Jugend, Alter spielen keine Rolle, sofern diese nicht ökonomisch zu verwerten sind. Die Ökonomie hat den Menschen vergessen, was zur Frage führt: Passen wir als Naturwesen überhaupt noch in die Welt, die wir und unsere Ökonomie uns künstlich geschaffen haben? Die Antwort: Eher nicht.

Der zweite Systemfehler liegt darin, dass die Ökonomie bisher keine Grenzen kennt, wie sie unser Planet Erde aber eindeutig hat. Bereits jetzt bräuchte man beispielsweise einen zweiten Planeten, um unsere Nachfrage nach Nahrung, Energieträgern und anderen Rohstoffen einigermaßen nachhaltig zu decken. In unserem Streben nach Erfolg und Wachstum haben wir jedoch übersehen, dass sich seit etwa 25 Jahren die Regeln der Ökonomie umgekehrt haben: Weiterer Erfolg (=Wachstum) macht erfolglos. Das System wird – anscheinend stabil – eines Tages plötzlich zuammenbrechen.

Diese Erkenntnis zur Änderung der Systemregeln ist in der Ökonomie tatsächlich neu. Sie führt aber direkt zum (oft übersehenen) Paradoxon der Spielregeln in der Ökonomie. Dies besagt, dass mikroökonomisch und damit für jedes Unternehmen darwinistische Erfolgsregeln gelten. Solange diese Unternehmens-Ökonomie nicht zu groß wird, ist dies makroökonomisch durchaus sinnvoll, da es allgemeinen Wohlstand bringt. Dies ändert sich aber dann, wenn die Sättigungsgrenzen der Makroökonomie erreicht sind. Dann ist weiteres Unternehmens-Wachstum nur noch auf Kosten der Ressourcen des Gesamtsystems möglich, die aus ökologischen, Erwerbsarbeit- und Familienarbeit-Ressourcen bestehen. Man beobachtet das an Beispielen wie Peak-Oil, Niedriglohn und Demografie- und Rentenproblemen. Eine ganze Reihe weiterer Widersprüche in unserem System wird deutlich: Das Wettbewerbsdilemma, das Produktivitätsparadoxon und das Schneeballsystem der Renten. Diese Probleme sind es aber, die schließlich unausweichlich unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zusammenbrechen lassen. Ursache: Die Makroökonomie (Politik) erkennt nicht, dass nun andere Regeln gelten, nämlich dass sie nun für Nachhaltigkeit sorgen muss.

Das Ergebnis: Der alte Spruch „Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es den Menschen gut“ ist heute wohl der am meisten verbreitete Irrtum in der Ökonomie. Seit etwa 20 Jahren ist eher das Gegenteil der Fall: Jede weitere Unterstützung des ökonomischen Wachstum erschöpft die oben genannten Ressourcen des Gesamtsystems. Und führt zum Crash des Staatswesens.

Das Problem: Alle gegenwärtig praktizierten Wirtschaftstheorien verleugnen diese Systemgrenzen und sind daher für diese Situation unbrauchbar. Zitat Fr. Malik: „Alle herkömmlichen Denkweisen und Methoden werden dabei hoffnungslos versagen“.
Warum brauchen wir dieses permanente Wirtschaftswachstum? Damit stoßen wir auf den dritten Systemfehler: Unser Geldsystem mit seiner exponentiell steigenden Geld- und Schuldenmenge – auf der Basis von Zinseszins und multipler Geldschöpfung der Banken. Die daraus entstehende Überschussliquidität fließt nicht in die Realökonomie, die mit diesem exponentiellen Wachstum nicht Schritt halten kann, sonder in die Spekulation. Für die zwangsläufig entstehenden Spekulationsblasen kennt die Natur zwei Gesetze: Ein „Schwarzes Loch“ (Attraktor Ordnung) oder Inflation (Attraktor Entropie). Beide sind fatal. Beim „Schwarzen Loch“ gilt mittlerweile das Paradoxon der Systemrelevanz: Die Rettung sog. systemrelevanter Teilnehmer führt kurz oder lang zum Crash des Systems. Eine Inflation entwertet massiv Vermögen und führt irgendwann zur Währungsreform.

Damit kommen wir zum vierten Systemfehler, das die Medien derzeit beherrscht: Die Eurozone. Begrenze ich ein Gesamtsystem, wie es die gemeinsame Eurowährung leistet, so zeigen Simulationen der Spieltheorie, dass derartige Systeme nur dann funktionieren, wenn alle Teilnehmer einen angemessenen Platz haben und diesen verteidigen können. Wird ein Teilnehmer zu schwach oder zu stark, gefährdet dies das System und führt schließlich zum Crash des Systems. In der Praxis bedeutet dies, dass die deutsche Volkswirtschaft ihre Wettbewerbsfähigkeit deutlich verringern muss, während jene von Staaten wie Griechenland gleichzeitig deutlich leistungsfähiger werden müssen. Wir fordern derzeit das zweite, und vergessen das erste.

Damit stehen wir aber vor einem neuen Paradoxon: Wir sind eingebunden in die Eurozone, müssten im Interesse dieser Zone schwächer werden, wollen aber gleichzeitig auf dem Weltmarkt mit China konkurrieren und weiter wachsen.

Die Schlussfolgerungen aus diesen Erkenntnissen sind zahlreich: Wollen wir unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vor dem Crash bewahren, wartet eine ganze Liste von Aufgaben auf uns. Die Anerkennung dieser Aufgaben bedeutet gleichzeitig ein Eingestehen, dass unsere ökonomischen Denkweisen veraltet sind und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen um Jahrzehnte hinterherhinken. Sie fordert aber auch das Primat der Politik und die Abkehr vom Primat der Unternehmensökonomie.

Geschieht dies nicht, ist ein Systemzusammenbruch – zumindest in Teilen – innerhalb der nächsten 3-10 Jahre wahrscheinlich.